Motivation: Erwartung x Wert?!

Keine Lust zu lernen. Kann ich eh nicht. Brauche ich später auch gar nicht.“ Kommt Ihnen das bekannt vor? Lerner sind nicht immer fürs Lernen motiviert. Anstatt sich darüber aufzuregen, erfahren Sie hier, wie Sie die Motivation Ihrer Lerner beeinflussen können.

[Anmerkung zum Text: Ich rede im Text von „Lernern“ und „Lehrern“, gemeint sind damit grundsätzlich alle Geschlechter. Außerdem beziehen sich diese Bezeichnungen nicht nur auf Personen in der Schule, sondern beispielsweise auch auf die Ausbildung und auf alle weiteren Lernumfelder.]

Aktuelle Motivation

Selbst wenn ein Lerner eigentlich großes Interesse an einem Thema hat, kann er in einer bestimmten Lernsituation wenig motiviert sein, eine Aufgabe zu diesem Thema zu bearbeiten. Gründe dafür können sowohl im Lerner selbst, in der Lernumwelt, aber auch in der spezifischen Lernsituation bzw. Aufgabe begründet liegen. Somit geht es bei der aktuellen Motivation nicht um eine überdauernde Eigenschaft des Lerners, sondern sie bezieht sich spezifisch auf die Handlung in einer bestimmten Lernsituation.

Erwartung x Wert Modelle (auch Erwartungs-Wert-Modell genannt) von Eccles (1983) können die Bestandteile der aktuelle Motivation genauer beschreiben. Sie besteht aus der subjektiven Erwartung des Lerners, ob sich das (Lern-)Ziel überhaupt erreichen lässt, und der subjektiven Bewertung, ob das (Lern-)Ziel überhaupt erstrebenswert ist.

Eigentlich eine sehr einfache Überlegung, die man im Alltag häufig ausführt. Flapsig formuliert: Bevor ich überhaupt was mache, überlege ich, ob ich es schaffen kann und ob es die Anstrengung wert ist. Auch hier gilt wie in der Mathematik – wer mit Null multipliziert erhält auch das Ergebnis Null! Das bedeutet, wenn ich denke, ich schaffe das eh nicht (Erwartung = 0) oder das ist mir die Anstrengung nicht wert (Wert = 0), dann ist meine Motivation auch bei null und ich fange gar nicht erst an.

Erwartungskomponente

Die Erwartungskomponente (auch Erfolgserwartung oder subjektive Erfolgswahrscheinlichkeit genannt) gibt an, für wie wahrscheinlich es ein Lerner hält, bei einer Aufgabe oder Prüfung erfolgreich abzuschneiden. Diese Einschätzung des Lerners ist subjektiv.

Nach dem Kognitiven Motivationsmodell von Heckhausen und Rheinberg (1980) gibt es drei Erwartungsformen:

  • Handlungs-Ergebnis-Erwartung: Der Lerner überlegt, wie wahrscheinlich es ist, durch seine eigenen Handlungen erfolgreich zu sein. Bsp.: Wenn ich mich ausreichend auf die Prüfung vorbereite, bestehe ich sie.
  • Situations-Ergebnis-Erwartung: Der Lerner überlegt, wie wahrscheinlich es ist, aufgrund der Situation und nicht durch seine eigenen Handlungen erfolgreich zu sein. Bsp.: Wenn ich nicht für die Prüfung lerne, werde ich sie trotzdem bestehen, weil die Prüfung so einfach ist.
  • Ergebnis-Folge-Erwartung: Der Lerner überlegt, wie wahrscheinlich es ist, dass das Ergebnis auch die gewünschten Folgen nach sich zieht. Bsp.: Wenn ich die Prüfung bestehe, erhalte ich mein Abschlusszeugnis und kann mich für meinen gewünschten Beruf bewerben.

Für das Lernen ist vor allem die Handlungs-Ergebnis-Erwartung besonders wichtig. Diese ist anderen Fachbegriffen aus Modellen der Psychologie ähnlich, wie der Kontrollüberzeugung oder der Selbstwirksamkeitserwartung.

Darüber hinaus wird die Erwartungskomponente auch von personalen Faktoren, wie dem Fähigkeitsselbstkonzept, beeinflusst. Auch Einflüsse aus der Lernumgebung, wie Erwartungen von Lehrern bzw. Bezugspersonen und Leistungsniveau der Lerngruppe, spielen eine Rolle.

Wertkomponente

Die Wertkomponente gibt an, welchen Wert Lerner einer Tätigkeit oder einem (Lern-)Ergebnissen beimessen. Diese Bewertung des Lerners ist ebenfalls subjektiv.

Hierzu kann man die Selbstbestimmungstheorie von Deci und Ryan (1985) heranziehen, die Motivation wie folgt unterscheidet:

  • Intrinsische Motivation: Lerner führen Handlungen um ihrer selbst willen aus (d. h. der Wert liegt in der Handlung selbst), einfach weil sie etwas interessiert oder sie etwas gern tun. Dabei handeln sie autonom und sind nicht von Belohnungen oder Strafen angetrieben.
  • Extrinsische Motivation: Lerner führen Handlungen nicht um ihrer selbst willen durch, sondern weil diese bestimmte Folgen haben. Hierbei kann man weiter in selbstbestimmt-extrinsisch (wenn die Folgen einer Handlung für den Lerner persönlich wichtig oder nützlich sind bzw. er diese so bewertet) und fremdbestimmt-extrinsisch (wenn die Folgen einer Handlung für den Lerner durch Belohnung, Strafe, Normen oder Regeln geprägt sind bzw. sich der Wert daraus ergibt) unterscheiden.

Eine subjektiv höhere Bewertung von Lerninhalten sowie eine intrinsische oder selbstbestimmt-extrinsische Motivation führen dabei zu besseren Lernleistungen, als eine niedrige Bewertung oder eine fremdbestimmt-extrinsische Motivation.

Ähnlich der intrinsischen Motivation ist auch das situative Interesse, welches sich jedoch auf einen Gegenstand und nicht auf eine Tätigkeit richtet. Darüber hinaus spielen Lernziele für die Motivation eine bedeutende Rolle.

Die Wertkomponente wird ebenfalls von personalen Faktoren beeinflusst. Dazu gehören die Motive und Bedürfnisse der Lerner, deren Zielorientierung und Interessen. Doch auch Faktoren der Lernumgebung, wie die Klassenzielstruktur, Freunde oder Bezugspersonen, beeinflussen die Wertkomponente.

Was können Sie tun, um Erfolgserwartung und Wert zu fördern?

(aus Grassinger et al., 2019)

Förderung der Erfolgserwartung:

  • Lehrziele und hierzu passende Lehrmethodik einer Unterrichtseinheit verdeutlichen
  • Aufgabenstellungen klar verständlich kommunizieren
  • Herangehensweisen und Lösungsschritte bewusst machen
  • An ähnliche, bereits bewältigte Aufgaben erinnern
  • Möglichkeiten zum Umgang mit Schwierigkeiten aufzeigen

Förderung von Wert:

  • Betonung der Bedeutsamkeit des Lerngegenstands
  • Ausführliche Begründung der Lernaktivitäten
  • Artikulierung des eigenen Interesses an den Lerninhalten
  • Herstellung von praktischen Anwendungsmöglichkeiten und anderen Alltagsbezügen
  • Erhöhung des emotionalen Gehalts des Lernstoffs
  • Verbindung des Lernstoffs mit den Interessen der Schülerinnen und Schüler
  • Abwechslungsreiche Gestaltung der Stoffvermittlung
  • Induzieren kognitiver Konflikte (Widersprüche zum vorhandenen Wissen)

Mein Kommentar

Lehrer finden ihr eigenes Fach oft spannend und sind davon begeistert, was natürlich eine gute Voraussetzung für tollen Unterricht ist. Dennoch sollte man dabei nicht vergessen, dass man sich dieses Fach möglicherweise selber ausgesucht und sich umfassend damit beschäftigt hat. Lerner haben hingegen vielleicht andere Interessen, müssen das Fach belegen oder wissen nicht, wo sie das neue Wissen anwenden können. Als Lehrer ist einem das „Warum und Wozu?“ des Unterrichtsstoffs so klar, dass man es schon gar nicht mehr erwähnt. Doch gerade für die Motivation der Lerner kann das einen bedeutenden Unterschied machen, wenn es um den Wert von Lerninhalten geht. Wenn man es dann als Lehrer schafft, seinen Lernern zu erklären, dass die kommenden Lernziele zwar herausfordernd, aber machbar und die dazu notwendigen Fähigkeiten erlernbar sind, ist man einen großen Schritt weiter auf dem Weg zur Motivation seiner Lerner.

Quellen

Dresel, M. & Lämmle, L. (2017). Motivation (StandardWissen Lehramt). In T. Götz (Hrsg.), Emotion, Motivation und selbstreguliertes Lernen (2., aktualisierte Auflage., S. 78–142). Paderborn; Paderborn: Ferdinand Schöningh.

Grassinger, R., Dickhäuser, O. & Dresel, M. (2019). Motivation. In D. Urhahne, M. Dresel & F. Fischer (Hrsg.), Psychologie für den Lehrberuf (S. 207–227). Berlin, Heidelberg: Springer Berlin Heidelberg.