Sie haben die Wahl – Multiple-Choice-Aufgaben

Kennen Sie die Sendung „Wer wird Millionär?“? Die Kandidaten erhalten eine Fragen mit vier Antwortmöglichkeiten, bei denen jedoch nur eine Antwort richtig ist und alle anderen drei zwar inhaltlich plausibel, aber falsch. Es handelt sich um Multiple-Choice-Fragen (genauer Single-Choice). Doch kann dieses Aufgabenformat noch mehr als nur Wissen abzufragen…

[Anmerkung zum Text: Ich rede im Text von „Lernern“ und „Lehrern“, gemeint sind damit grundsätzlich alle Geschlechter. Außerdem beziehen sich diese Bezeichnungen nicht nur auf Personen in der Schule, sondern beispielsweise auch auf die Ausbildung und auf alle weiteren Lernumfelder.]

Was sind Multiple-Choice-Aufgaben?

„Multiple-Choice“ ist ein Überbegriff für verschiedene Frageformate. Gemeinsam ist ihnen jedoch, dass die Antwortmöglichkeiten immer vorgegeben sind und nicht vom Lerner erstellt werden.

Es gibt sehr viele verschiedene Multiple-Choice-Formate. Hier nur eine kleine Auswahl:

  • Single-Choice: Nur eine Antwort ist richtig.
  • Multiple-Choice (Auch Multiple-Multiple-Choice): Aus mehreren Antwortoptionen sind mehrere Antworten korrekt.
  • Umfangreiche Aufgabenstämme, denen mehrere Multiple-Choice-Aufgaben folgen.
  • Aufgaben mit Kausalen Verknüpfungen: es werden 2 Aussagen präsentiert und der Lerner muss nicht nur entscheiden, ob die Aussagen korrekt sind, sondern auch, ob die eine Aussage die Begründung für die andere Aussage ist.
  • Verschiedene Formate von Richtig-Falsch-Aufgaben
  • Verschiedene Formate von Ordnungsaufgaben

Beachten Sie jedoch, dass Sie die neuen Aufgabenformate vorher mit Ihren Lernern üben und besprechen, bevor Sie diese in der Prüfung einsetzen. Schließlich wollen Sie wissen, wie gut Ihre Lerner die Inhalte beherrschen und nicht wie gut diese mit unbekannten Aufgabenformaten zurechtkommen.

Multiple-Choice Aufgaben erstellen

Aufbau einer Multiple-Choice-Aufgabe

Eine Multiple-Choice-Aufgabe besteht aus zwei Elementen:

  • Aufgabenstamm: Frage- oder Problemstellung. Zusätzlich können bei umfangreicheren Aufgaben auf höheren Lernzielebenen (Verständnis, Anwendung, Analyse) auch weitere Materialien wie Abbildungen, Tabellen oder Fallbeschreibungen einbezogen werden.
  • Alternativen bzw. Optionen: Mehrere vorgegebene Antworten, von denen eine oder mehrere richtig sind. Die falschen Antworten heißen auch Distraktoren.

Multiple-Choice-Fragen können nicht nur Wissen abfragen, sondern auch höhere Denkprozesse erfassen. Ein gutes Beispiel dafür sind Intelligenztests (z.B. Matrizen-Aufgaben). Auch die Lernzielebenen Verstehen, Anwendung und Analyse können durch Multiple-Choice-Tests abgedeckt werden. Hingegen sind Multiple-Choice Aufgaben für kreative Leistungen oder Bewertungen bzw. Evaluationen nicht geeignet.

Gestaltungsrichtlinien für Multiple-Choice-Aufgaben

(Die nachfolgende Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit)

Der Aufgabenstamm soll…

  • klar und ohne unnötige Details formuliert sein.
  • positiv formuliert sein. Falls das nicht möglich ist, sollten Verneinungen fett, unterstrichen oder in Großbuchstaben geschrieben sein.
  • so viele Informationen wie möglich enthalten, um Wiederholungen in den Antwortalternativen zu vermeiden.
  • ohne Antwortalternativen beantwortet werden können.

Die Antwortalternativen sollen…

  • nur einen Gedanken festhalten.
  • zum Aufgabenstamm passen – sowohl inhaltlich als auch grammatikalisch.
  • keine Formulierungen wie „alle oben beschriebene“ oder „nichts von alledem“ enthalten.
  • sich inhaltlich unterscheiden.
  • klar zuordenbar richtig oder falsch sein.

Allgemein:

  • Verwenden Sie nur bekannte Begriffe und Abkürzungen.
  • Stellen Sie keine Fangfragen.
  • Variieren Sie die Position der richtigen Antwort.
  • Vermeiden Sie bestimmte Antwortmuster (Aufgabe 1) A; 2) B; 3) C, 4) D).
  • Geben Sie für die Lerner an, ob es sich um Single- oder Multiple-Choice-Aufgaben handelt.

Multiple-Choice-Aufgaben auswerten

Ein Problem der Auswertung von Multiple-Choice-Aufgaben ist, dass Lerner die richtige Antwort einfach raten können. Das bedeutet, dass Sie bei der Bestehensgrenze eines reinen Multiple-Choice-Tests die Ratewahrscheinlichkeit berücksichtigen müssen.

Doch anstatt sich in noch kompliziertere Auswertungsstrategien zu verstricken, sollten Sie sich lieber auf eine gute Konstruktion der Aufgaben konzentrieren. Wählen Sie geeignete Distraktoren und beschränken Sie sich bei Single-Choice-Formaten (mit einer richtigen Antwort) auf drei gute Distraktoren, anstatt fünf schlechter. Ebenfalls hilfreich ist es, die Aufgabenzahl zu erhöhen, solange der Test dann noch für die Lerner zumutbar ist.

Das schlimmste, was passieren kann, ist, dass die Aufgaben so schlecht konstruiert sind, dass die Lerner sie auch ohne weiteres Wissen lösen können. Das passiert, wenn:

  • Die richtige Antwort wesentlich detailreicher und länger ist als die Distraktoren.
  • Zwei (oder mehr) Distraktoren inhaltlich die gleiche Bedeutung haben.
  • Die Antwort einer Aufgabe bereits im Aufgabenstamm einer anderen Aufgabe verraten wurde.
  • Die Distraktoren grammatikalisch nicht zum Aufgabenstamm passen.

Vor- und Nachteile von Multiple-Choice-Aufgaben

Vorteile:

  • Die Aufgaben können sehr schnell bearbeitet werden.
  • Die Auswertung der Aufgaben ist wenig aufwendig.
  • Die Aufgaben besitzen eine große Auswertungsobjektivität, d.h. es gibt keinen Interpretationsspielraum, ob die Antwort richtig oder falsch ist.

Nachteile:

  • Die Aufgabenkonstruktion ist aufwendig.
  • Richtige Antworten können geraten werden.
  • fragliche Validität (Wird gemessen, was gemessen werden soll?)

Unterstützen Multiple-Choice-Aufgaben das Lernen?

Wenn Lerner Multiple-Choice-Aufgaben bearbeiten, müssen sie die richtigen Antworten nur wiedererkennen, was weniger komplex ist, als eine Antwort selbst zu formulieren. Es laufen also unterschiedliche kognitive Prozesse ab, je nachdem, welches Aufgabenformat Lerner bearbeiten.

Lerner unterschätzen oft die Schwierigkeit von Multiple-Choice-Aufgaben und wenden daher nur oberflächliche Lernstrategien an. Um das zu vermeiden, können Sie einfach Multiple-Choice-Aufgaben und offene Aufgaben im Test nutzen. Somit wissen die Lerner nicht, welcher Lerninhalt mit welchem Aufgabenformat abgefragt wird.

Mein Kommentar

Ob Sie Multiple-Choice-Aufgaben überhaupt für Tests und Prüfungen einsetzen dürfen, müssen Sie natürlich für Ihren Fall prüfen. Doch selbst wenn es Ihnen nicht erlaubt ist, können Sie das Aufgabenformat für Ihre Lerner nutzen. Es eignet sich wunderbar, um Vorwissen abzufragen oder älteren Lernstoff zu wiederholen. Lerner können Multiple-Choice-Aufgaben zum selbstständigen Lernen nutzen. Auch wenn die Konstruktion von anspruchsvollen Multiple-Choice-Aufgaben nicht ganz einfach ist, sparen Sie Zeit bei deren Auswertung und können diese lange Zeit z.B. für Übungs- und Wiederholungsphasen nutzen. Dabei geht es nicht darum ausschließlich nur noch dieses Aufgabenformat zu verwenden, sondern es einfach als eine Möglichkeit zu nutzen. Jetzt, da Sie die Kriterien einer guten Multiple-Choice-Aufgabe kennen, legen Sie sich doch einfach eine kleine Sammlung aus Aufgaben an oder erstellen Sie eigene.

Quellen

Di Giusto, F., Müller Werder, C., & Reichmuth, A. (2018). Multiple-Choice-Aufgaben: Teaching Guide for Higher & Professional Education. Verfügbar unter: https://digitalcollection.zhaw.ch/bitstream/11475/14508/1/2018_SML_MC%20Aufgaben.pdf

Klauer, K. J. (2001). Wie misst man Schulleistungen? In F.E. Weinert (Hrsg.), Leistungsmessungen in Schulen (S. 104—115). Weinheim: Beltz.

Lindner, M. A., Strobel, B. & Köller, O. (2015). Multiple-Choice-Prüfungen an Hochschulen? Zeitschrift für Pädagogische Psychologie, 29 (3-4), 133–149.

Woolfolk, A. & Schönpflug, U. (2008). Pädagogische Psychologie. München: Pearson Studium.