24 Tipps zum selbstregulierten Lernen

Das ist ein Adventskalenderbeitrag, der sich jeden Tag bis zum 24. Dezember 2021 um einen Tipp erweitert.

[Anmerkung zum Text: Ich rede im Text von „Lerner*innen“ und „Lehrer*innen“. Diese Bezeichnungen beziehen sich nicht nur auf Personen in der Schule, sondern beispielsweise auch auf die Ausbildung und auf alle weiteren Lernumfelder.]

Selbstreguliertes Lernen

Selbstregulierte Lerner*innen:

• setzten sich selbstständig Ziele
• wählen eigenständig Strategien aus
• überwachen ihren Lernprozess
• bewerten selbstständig ihr Arbeitsergebnis
• modifizieren und optimieren ihren Lernprozess

[Definition nach: Götz & Nett (2017)]

Prozess des selbstregulierten Lernens:

[Quelle Schmitz & Wiese (2006)]

Erste Phase: Vor dem Lernen

Tipp 1: Das Warum & die Ziele klären

Bevor es mit der Aufgabenbearbeitung losgeht, sollte man sein Warum klären:
• Warum bearbeite ich eigentlich die Aufgabe?
• Was möchte ich erreichen?
• Was möchte ich lernen?
• Wozu brauche ich das Wissen/den Abschluss?

Bevor es mit der Aufgabenbearbeitung losgeht, sollte man sich realistische Ziele stecken:
• Ziele richtig formulieren, z.B. mit SMART- oder WOOP-Formel
• Ziele schriftlich festhalten und gut sichtbar aufbewahren
• Ziele in Teilziele gliedern und kleine Zwischenetappen abhaken

Tipp 2: Die Aufgabe analysieren

Bevor man sich zu schnell in die Arbeit stürzt, sollte man erst die Aufgabenstellung genau analysieren:
• Verstehe ich die Aufgabe richtig? Sind noch Fragen offen?
• Was fordert die Aufgabe genau? (Stichwort: Operatoren)
• Welche Materialien brauche ich, um die Aufgabe zu bearbeiten?

Tipp 3: Die Einstellung zum Lernen

Nicht alle Aufgaben sind Lieblingsaufgaben. Sie können schwer, anstrengend oder langweilig sein. Dann kommt die innere Einstellung in Spiel (Stichwort: Mindset):
• Kann ich mich zu Aufgaben motivieren, die langweilig erscheinen?
• Kann ich Aufgaben bearbeiten, auch wenn diese anfänglich richtig schwer aussehen?
• Bin ich bereit dranzubleiben, auch wenn Hindernisse oder Rückschläge auftreten?

Tipp 4: (Lern-)Strategien planen

• Wie muss ich bei der Aufgabe vorgehen? Welche Strategien muss ich anwenden
(z.B. Textinhalte zusammenfassen, Mindmap oder Tabelle erstellen)?
• Passen die gewählten Strategien zur Aufgabe (oder nutze ich sie nur, weil ich sie immer verwende)?
• Welche Strategien beherrsche ich gut, bei welchen habe ich Probleme?
• Wo kann ich mich zu Strategien informieren oder mir Hilfe holen?

Tipp 5: Zeitplan erstellen

Ein realistischer Zeitplan gehört zur Vorbereitung des selbstregulierten Lernens:
• Wie viel Zeit habe ich für die Aufgabe bis zur Abgabe?
• Wie viel dieser Zeit ist durch andere Aktivitäten bereits verplant? Wie viel Zeit bleibt dann noch übrig?
• Womit plane ich meine Zeit (z.B. Papier-Kalender)?
• Plane ich Pausen und Zeitpuffer ein?

Tipp 6: Ressourcen

Sich vor dem Lernen der eigenen Ressourcen bewusst werden:
Externe Ressourcen, z.B.:

  • Hilfmittel (Bücher, Mitschriften),
  • gute Lernumgebung,
  • andere Lerner*innen/Arbeitsgruppen

Interne Ressourcen. z.B.:

  • eigene Anstrengung,
  • Aufmerksamkeit/Konzentration,
  • Zeitmanagement

Tipp 7: Lernumgebung

Die Lernumgebung sollte möglichst:
• ruhig und angenehm sein,
• störungsfrei sein,
• aufgeräumt sein,
• wenig Ablenkung bieten,
• gut belüftet sein,
• genug Licht haben,
• ausreichend Platz für Materialien bieten,
• nicht gleichzeitig der Entspannungsort sein.

Tipp 8: Motivation

Ein letzter kleiner Motivationscheck, bevor es losgeht:
• Bin ich motiviert? (Ist mir das Ziel persönlich wichtig? Glaube ich, dass ich das Ziel erreichen kann?)
• Halte ich durch, auch wenn es schwierig wird und Dinge nicht beim ersten Mal klappen?
• Habe ich einen realistischen Zeitplan und alle wichtigen Materialien?
• Weiß ich, woher ich Unterstützung und Hilfe bekomme, wenn ich sie brauche?

Zweite Phase: Während dem Lernen

Tipp 9: Zeitplan anpassen

Einmaliges planen reicht für größere Projekte (z.B. Abschlussarbeiten) meist nicht aus. Häufig muss man seinen Zeitplan immer wieder anpassen, weil Teilaufgaben mehr oder weniger Zeit in Anspruch genommen haben als gedacht (Stichwort: Zeitpuffer nutzen). Das bedeutet nicht, dass man bei der ersten Planung etwas falsch gemacht hat und nun gleich den Kopf in den Sand stecken sollte. Etwas zu planen, was man noch nie vorher gemacht hat, ist nunmal sehr schwierig. Zeitplanung ist ein Prozess und keine einmalige Tätigkeit.

Tipp 10: Konzentration

5 Tipps für Konzentration:
• Ziele, Motivation und Einstellung klären
• wenig Ablenkung
• gesunde Lebensweise (z.B. ausreichend Schlaf, frische Luft)
• Stressabbau durch Sport oder Entspannungsübungen
• kurze, intensive Arbeitsphasen
(z.B.: Promodoro-Methode: 25 min arbeiten, 5 Minuten Pause)

Tipp 11: Selbst-Monitoring

Während der Aufgabenbearbeitung sollte man regelmäßig kurz innehalten und sich fragen:
• Komme ich meinem Ziel/der Aufgabenlösung näher?
• Muss ich eine andere Lernstrategie anwenden oder nach neuen Lösungswegen suchen?
• Wie viel Zeit habe ich noch? Muss ich meinen Zeitplan umstellen?
• Bin ich noch konzentriert?

Tipp 12: Aufschieben

Keine Lust überhaupt mit der Aufgabe zu beginnen? Dann hilft es…
• ganz kleine Ziele zu setzen, wie z.B. wenigstens 10 min an der Aufgabe arbeiten.
• die Arbeitszeit zu limitieren: feste Arbeitszeiten planen und diese nicht verschieben
• sich zu fragen: Weiß ich, was ich heute tun kann, um meinem Ziel näherzukommen? Gibt es ein Problem? Wer oder was könnte mir dabei helfen (Stichwort: Ressourcen)?

Tipp 13: Verhaltensregulation

Wer selbstreguliert lernt, muss sich auch selbst dabei unter Kontrolle halten. Drei Tipps:
• nicht ablenken lassen, z.B. durch Handy oder Internet
• feste Pausen einplanen und dabei den Wecker stellen (Stichwort: Schulglocke)
• Unterschied erkennen: Habe ich einfach keine Lust mehr oder brauche ich eine kurze Pause?

Tipp 14: Emotionsregulation

Beim Lernen können auch immer wieder Emotionen auftreten, mit denen man umgehen muss, z.B. Langeweile, Frust oder sogar Wut.
• Diese Emotionen sollte man zulassen und sich z.B. mal richtig ärgern. Doch danach sollte man auch wieder gut weiterarbeiten können.
• Vielleicht hilft auch eine andere Person, um sich den Ärger von der Seele zu reden und neuen Schwung zu holen (und das Ziel neu zu fokussieren).

Tipp 15: Logbuch führen

Wenn man ein größeres Projekt bearbeitet, kann es hilfreich sein, ein Logbuch zu führen. Darin notiert man täglich:
• was man sich vornimmt
• welche Fragen/Probleme aufgetaucht sind
• wie der Lerntag gelaufen ist
• wie man das nächste Mal beim Lernen weitermachen möchte
Hierzu eignet sich z.B. das Format eines Bullet Journals.

Tipp 16: Pausen

Selbst wenn man motiviert ist, sollte man sich nicht komplett verausgaben, wenn man längere Zeit lernt oder arbeitet. Das führt zu einem Energie-Loch am nächsten Tag. Wie beim Wandern oder Joggen ruhig und im gleichmäßigen Tempo weitermachen und regelmäßig Pausen einlegen. Dabei darauf achten, dass die Pausen auch wirklich erholsam sind (z.B. kleine Sportübungen, Wasser trinken, lüften oder ein kurzer Spaziergang).

Dritte Phase: Nach dem Lernen

Tipp 17: Fertig und abgehakt?

„Juhu, die Aufgabe ist fertig. Man könnte vielleicht noch Sachen verbessern – aber das ist mir egal, ich lass das jetzt so! Hauptsache fertig und schnell Feierabend!“
Nein, das ist nicht das Ende des selbstregulierten Lernprozesses. Es fehlt noch ein entscheidender Schritt: die Reflexion. Wenn man selbstreguliert lernt, muss man sein Arbeitsergebnis selbst bewerten und reflektieren. So kann man Fehler beim Lernen zukünftig vermeiden und das Lernen optimieren.

Tipp 18: Bewertung

IST-SOLL-Vergleich
Wenn die Aufgabe abgeschlossen ist, sollte man nochmal die Aufgabenstellung heranziehen und überprüfen, ob beides zusammenpasst.
• Habe ich Punkte vergessen oder etwas vertauscht?
• Passen meine Antworten zur Fragestellung?
• Sind alle Formalien korrekt?

Dieser Vergleich kann wirklich unangenehm sein, wenn man eigentlich schon dachte, dass man mit der Aufgabe fertig ist und nun feststellen muss, dass noch etwas fehlt. Das bedeutet noch mehr Arbeit, aber gleichzeitig eben auch ein besseres Ergebnis. Gut, wenn man in seinem Zeitplan Zeitpuffer eingeplant hat.

[Dieser Tipp ist nicht für Perfektionist*innen gedacht, die Aufgaben prinzipiell nicht gut abschließen/abgeben können.]

Tipp 19: Ursachen suchen

Woran hat’s gelegen, wenn die Bewertung der Aufgabe anders ausgefallen ist als gedacht?

  • Zu wenig Zeit? Zeit nicht gut genug genutzt?
  • Falsche Lernstrategie verwendet?
  • Zu schwere Aufgabe?
  • Aufgabe nicht richtig analysiert?
  • Einfach nur Pech gehabt?

Wenn es darum geht, herauszufinden, warum eine Aufgabe nicht gut ausgefallen ist, sollte man ehrlich mit sich sein und die Schuld nicht nur bei anderen oder den äußeren Umständen suchen. Meist macht es ja die Mischung…

Tipp 20: Vergleich

Um die eigene Leistung richtig einschätzen zu können, ist es auch hilfreich, diese zu vergleichen (Stichwort: Bezugsnormen). Man kann die eigene Leistung…
• mit der von anderen Lerner*innen der Lerngruppe vergleichen,
• mit einem Mindeststandard vergleichen oder
• mit der eigenen Leistung vergleichen, die man bisher erzielt hat.
Meist sind das wichtige Anhaltspunkte, um seine Bewertung zu reflektieren.

Tipp 21: Emotionen

Wenn man eine Bewertung für eine Aufgabe erhält oder diese selbst bewertet hat, können Emotionen aufkommen. Freude, wenn die Bewertung gut ausgefallen ist, oder Verzweiflung, wenn es eine schlechte Rückmeldung gibt.
Jetzt erst mal durchatmen und kurz Abstand gewinnen. Anstatt zu resignieren oder das Ganze einfach wegzuschieben, sollte man ehrlich reflektieren, wie es dazu kommen konnte.

Tipp 22: Vorsätze

Reflexion ist kein Selbstzweck.
Wer reflektiert, sollte daraus eigentlich auch etwas lernen. Wenn man sich seinen Lernweg und das Lernergebnis nochmals ansieht, sollte man überlegen, was man zukünftig anders/besser machen kann.
Eigene Fehler zu analysieren und Vorsätze fürs nächste Mal abzuleiten, können helfen.

• Haben manche Arbeitsschritte mehr Zeit eingenommen als gedacht?
• Waren bestimmte Lernstrategien schwierig umzusetzen?
• Hätte ich besser andere Lernstrategien verwendet?
• Habe ich mich zu schnell ablenken lassen?
• Habe ich mir zu spät Hilfe geholt?
• Habe ich zu wenig Zeitpuffer und Pausen eingeplant?

Tipp 23: Der Kreislauf

Doch eigentlich ist der selbstregulierte Lernprozess ein Kreislauf, den man auf seinem Lernweg auch mehrmals durchlaufen kann/muss.
Alle genannten Schritte können bei großen Projekten/Aufgaben auf jedes Teilziel angewendet werden.
Denn monatelang zu arbeiten, ohne zwischendurch die Teilziele/-ergebnisse zu überprüfen, wäre ja verrückt. Daher lieber immer wieder kleine Runden im Kreislauf des selbstregulierten Lernens nehmen.

Tipp 24: Literatur-Tipps

Zwei Literaturtipps zum selbstregulierten Lernen:

  • Götz, T. (Hrsg.). (2017). Emotion, Motivation und selbstreguliertes Lernen (2., aktualisierte Auflage, Bd. 3481). Ferdinand Schöningh.
  • Keller, S., Ogrin, S., Ruppert, W., & Schmitz, B. (2013). Gelingendes Lernen durch Selbstregulation. Vandenhoeck & Ruprecht.