Woran hat’s gelegen? – Attribution, die Suche nach der Ursache

Egal ob man Feedback von anderen erhält oder das eigene Arbeitsergebnis beurteilt, oft schließt sich die Frage an: Wie konnte es zu diesem Ergebnis kommen? Was sind die Gründe dafür? Glück? Pech? Oder lag es an den eigenen Fähigkeiten?

[Anmerkung zum Text: Ich rede im Text von „Lernern“ und „Lehrern“, gemeint sind damit grundsätzlich alle Geschlechter. Außerdem beziehen sich diese Bezeichnungen nicht nur auf Personen in der Schule, sondern beispielsweise auch auf die Ausbildung und auf alle weiteren Lernumfelder.]

Der Test mit einer schlechten Note liegt vor dem Lerner auf dem Tisch und er beginnt zu überlegen, wie es dazu kommen konnte. Attribution bedeutet Ursachenzuschreibung und bezieht sich in der Pädagogischen Psychologie auf Erklärungen von Leistungsergebnissen. Dabei kann das gleiche Lernergebnis bei verschiedenen Lernern zu unterschiedlichen Ursachenzuschreibungen führen. Diese Attributionen müssen auch nicht immer mit der Realität übereinstimmen. Zusätzlich werden die Gedanken des Lerners von Emotionen begleitet und haben Einfluss auf ein zukünftiges Lernverhalten. Wenn die schlechte Note einfach nur Pech war, muss der Lerner an seinem Lernverhalten natürlich nichts ändern. Denkt er jedoch, dass er sich nicht genug angestrengt hat, könnte er sich für den nächsten Test besser vorbereiten.

Menschen führen Ursachenzuschreibungen natürlich nicht nur beim Lernen durch. Allgemein dient die Ursachenforschung dazu, später zu besseren Ergebnissen zu kommen oder die eigene Umwelt besser zu verstehen. Besonders häufig gehen Menschen jedoch bei Misserfolgen und bei überraschenden Ergebnissen auf Ursachensuche.

Kausaldimensionen – eine kurze Übersicht

Wenn man Lerngruppen fragt, wie sie sich ihre Leistung erklären, liefern diese meist eine Reihe unterschiedlicher Begründungen: es war Pech oder Glück, die Aufgaben war zu schwer, sie konnten sich nicht konzentrieren oder waren müde, das Fach liegt ihnen besonders oder eben gar nicht.

All diese Begründungen lassen sich nach Weiner (1986) zwei Dimensionen von Ursachen zuordnen, welche jeweils zwei Ausprägungen haben.

  • In der Lokalisationsdimension wird zugeordnet, ob die Ursache in der Person selbst (internal) oder außerhalb der Person (external) liegt.
  • In der Stabilitätsdimension wird zugeordnet, ob die Ursache überdauernd (stabil) oder unbeständig (variabel) ist.

Wenn man diese Dimensionen zusammenbringt, ergeben sich daraus vier Kombinationen:

  • Internal-stabil: Ursache war meine Fähigkeit
  • Internal-variabel: Ursache war meine Anstrengung
  • External-stabil: Ursache war die Aufgabenschwierigkeit
  • External-variabel: Ursache war der Zufall (Glück oder Pech)

Viele Erklärungen, die Lerner für ihr Leistungsergebnis nennen, lassen sich einer der vier Dimensionen zuordnen.

Attributionsmuster

Menschen zeigen häufig bestimmte Muster, wie sie Ursachen zuschreiben.

  • Fundamentaler Attributionsfehler und Akteur-Beobachter-Unterschied: Die eigene Handlung wird eher mit der Situation begründet, Handlungen anderer eher mit deren Eigenschaften. Ein Beispiel: Wenn man selbst an einem Morgen zu spät zu einem Termin kommt, liegt es an der Situation (Auto war kaputt oder der Bus ist ausgefallen). Wenn jemand anderes zu spät kommt, wird es eher als Eigenschaft wahrgenommen (Der ist unpünktlich).
  • Selbstwertdienliche Verzerrungen: Ursachenzuschreibungen werden so vorgenommen, dass sie dem Selbstwert nicht schaden. So wird Erfolg eher internalen Ursachen (Fähigkeit, Anstrengung) zugeschrieben, Misserfolge eher äußeren Umständen.

Auswirkungen von Attribution beim Lernen

Es gibt einen engen Zusammenhang zwischen den Themen Attribution und Motivation. Die gleiche Note in einem Test kann unterschiedlich begründet werden und somit zu verschiedenen zukünftigen Lernhandlungen führen. Hier spielt vor allem die Dimension Stabilität eine wichtige Rolle. Ein Beispiel: Begründet ein Lerner seine schlechte Leistung im Test mit seinen geringen Fähigkeiten, glaubt er, auch zukünftig schlechte Leistungen zu erbringen, da er seine Fähigkeiten als stabil wahrnimmt. Schreibt er das Ergebnis jedoch fehlender Anstrengung zu, dann kann er sich für den nächsten Test mehr anstrengen, denn Anstrengung ist variabel und kann vom Lerner beeinflusst werden.

Attributionen können sich auch auf Emotionen der Lerner auswirken. Bei internaler Ursachenzuschreibung (= Begründung liegt in der Person selbst) können Emotionen wie Stolz oder Scham auftreten. Bei externalen Zuschreibungen (= Begründung liegt außerhalb der Person) hingegen zu Überraschung oder Ärger.

Attributionsunterschiede bei Lernern

Unterschiedliche Attributionsmuster bei Lernern führen über längere Zeit zu verschiedenen Ausprägungen des Fähigkeitsselbstkonzepts:

  • Hohes Fähigkeitsselbstkonzept – Leistungsstarke, erfolgszuversichtliche Lerner: Erfolge attribuieren sie internal-stabil („Das Fach liegt mir, das kann ich eben gut.“) und Misserfolge entweder internal-variabel („An dem Tag hatte ich Kopfschmerzen.“) oder external-variabel („Das war Pech.“). Diese Lerner attribuieren selbstwertdienlich und gehen Herausforderungen zuversichtlich an.
  • Geringes Fähigkeitsselbstkonzept – Leistungsschwache, misserfolgsängstliche Schüler: Misserfolge werden internal-stabil begründet („Das Fach kann ich eben nicht, da hab ich kein Talent“.) und Erfolge entweder external-variabel („Das war Glück.“) oder aber external-stabil („Der Test war sehr leicht.“). Erfolge werden nicht der eigenen Person zugeschrieben und somit bleibt das Selbstbild negativ. Auch bei kommenden Herausforderungen erwarten diese Lerner Misserfolge.

Möchte man die Attribution von Lernern verändern, dann geht das meist nur in kleinen Schritten. Spezielle Programme (Reattributionstrainings) wurden dazu von Forschern entwickelt und beziehen sich auf Rückmeldungen an Lerner. Auch die Rückmeldungen von Lehrern und anderen nahestehenden Personen aus dem Umfeld des Lerners tragen zur Art und Weise der Ursachenzuschreibung bei Lernern bei.

Tipps für Rückmeldungen, die die Atrribution der Lerner günstig beeinflussen

  • Attribution auf variable Faktoren wie Anstrengung (vor allem bei Misserfolgen) lenken, denn an denen kann der Lerner arbeiten.
  • Aufgabenauswahl: Die Aufgabenschwierigkeit mit einem realistischen Anspruchsniveaus des Lerners abgleichen. Welche Aufgaben wählt sich der Lerner aus? Sind die Aufgaben sehr schwierig oder sehr leicht, erhält der Lerner wenige Informationen über sein Leistungsvermögen.
  • Als Lehrer die eigene Kommentierungen und Rückmeldung auf Attribution hin prüfen: Welche Rückmeldung gebe ich meinen Lernern? Auf welche Faktoren der Attribution bezieht sie sich (Fähigkeit/Talent vs. Anstrengung)? Können meine Lerner für den nächsten Test etwas an ihrer Situation verändern?

Mein Kommentar:

Attribution steht im engen Zusammenhang mit den Themen Motivation, Bezugsnormen, Fähigkeitsselbstkonzept und Feedback bzw. Leistungsrückmeldung und ist meiner Meinung wirklicher Schwerpunkt beim Lernen und Lehren. Es ist so verführerisch, Lerner für ihr Talent oder ihre Fähigkeiten zu loben. Aber selbst als Lerner mit guten Leistungen muss man herausfinden, wo die Ursachen für den eigenen Erfolg liegen. Das zeigt sich besonders bei Übergängen zu weiterführenden Schulen und nach dem Schulabschluss. Plötzlich ist man umgeben von Lernern mit gleichen Fähigkeiten und gehört plötzlich nicht mehr zu den „Guten“. Wichtiger ist es, Lernern zu zeigen, was sie tun können, um bessere Leistungen zu erbringen: andere Lernstrategien nutzen, sich mehr anstrengen, sich im Unterricht besser konzentrieren, regelmäßig Übungsaufgaben bearbeiten etc. Eine entscheidende Frage dabei bezieht sich auf die Überzeugung der Lehrperson: Glauben Lehrer, dass Lerner für ihr Fach Talent brauchen und dass manche Lerner eben nicht dafür „gemacht“ sind? Oder kann jeder Lerner mit Anstrengung und stetiger Arbeit ein gutes Ergebnis erzielen?

Quellen

Grassinger, R., Dickhäuser, O. & Dresel, M. (Heidelberg : Springer Berlin Heidelberg, 2019). Motivation. In D. Urhahne, M. Dresel & F. Fischer (Hrsg.), Psychologie für den Lehrberuf (S. 207–227). Berlin, Heidelberg: Springer Berlin Heidelberg.

Langfeldt, H.-P. (2014). Psychologie für die Schule (2. Aufl.). Weinheim: Beltz.

Möller, J. (2018). Attributiionen. In D. H. Rost, J. R. Sparfeldt & S. Buch (Hrsg.), Handwörterbuch Pädagogische Psychologie (5., überarbeitete und erweiterte Auflage, S. 30–36). Weinheim: Beltz.